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Menschliche Vielfalt statt sexuelle Vielfalt?

Stellungnahme der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren

„Gehen wir also weg von der ‚sexuellen“ hinüber zur ‚menschlichen‘ Vielfalt.“ (CSD Deutschland e.V.)

CSD Deutschland e.V. und die Community in der Schmuddelecke.

Der Dachverband der CSDs in Deutschland (CSD Deutschland e.V.) möchte aus der Schmuddelecke heraus, in die er und die gesamte schwule Community von „besorgten Eltern“ und konservativ-bürgerlichen Gruppen gerückt wurden. CSD Deutschland schlägt daher vor den Begriff „sexuelle Vielfalt“ durch „menschliche Vielfalt“ zu ersetzen.
Die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS e.V.) lehnt diesen Vorschlag angesichts der Geschichte der „Generation Stonewall“ und der LSBT-Bürgerrechtsbewegung ab. Wir plädieren dafür, uns offensiv mit unseren Gegnern auseinanderzusetzen und unseren LGBT Pride zu bewahren, der Motor unserer Kämpfe für Emanzipation und Selbstbestimmung, Akzeptanz und Bürgerrechte war und bleibt.

Geschichtsverdrossenheit in der Community.

Als Dachverband steht CSD Deutschland e.V. bereits mit dem Namen in der Tradition der Proteste gegen die staatliche und gesellschaftliche Unterdrückung von uns „Perversen“. Schwule wurden aufgrund ihrer Sexualität mit dem §175 strafrechtlich verfolgt. Lesben wurde ihre selbstbestimmte Sexualität abgesprochen, sodass viele nur in heterosexuellen Beziehungen gesellschaftliches Überleben erreichen konnten. Lesben und Schwule wurden bis 1992 pathologisiert, weil gleichgeschlechtliche Liebe und gleichgeschlechtlicher Sex als psychisch krankhaft galten. Trans* und Inter* sowie Menschen mit Fetischen sind hiervon bis heute betroffen.
Sollte „sexuelle Vielfalt“ durch „menschliche Vielfalt“ ersetzt werden, wird die Sexualität von Lesben und Schwulen wieder ins Private zurückgedrängt.

Ficken war gestern?

Holger Edmaier, Peter Steinhoff und Marc-Pierre Hoeft sagen, dass der Begriff „menschliche Vielfalt“ den Kern menschlicher Existenz berücksichtigt: Partnerschaft, Liebe, Sexualität, Beziehung und Emotion. Sie sagen dazu „er menschelt“. Wir fragen uns ernsthaft, ob der Sex von Lesben, Schwulen und Bisexuellen mit der Umschreibung „er menschelt“ verniedlicht werden muss, um endlich gesellschaftsfähig zu werden?

Sexualität(en) sind politisch.

Wenn der Dachverband der CSDs in Deutschland zu sexueller Vielfalt schweigt, um die Konfrontation mit „besorgten Eltern“ und anderen zu vermeiden, wo bleibt dann das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmtheit der Aufstände vom 28. Juni 1969 in der Christopher Street in New York? Wie politisch wollen CSDs noch sein, wenn sie die politische Auseinandersetzung und Konfrontation vermeiden?

Wie steht der CSD Deutschland e.V. dann zu Fetischgruppen, die selbstverständlicher Bestandteil der CSD-Kultur sind? Sollen diese künftig auch nicht mehr dabei sein, weil sie die Gemüter einiger Menschen erhitzen könnten?

Besorgte CSD-Organisator_innen?

Aktuell wird durch die „besorgten Eltern“ der Begriff „Gender“ (soziales Geschlecht) mit sexuellen Übergriffen an Kindern gleichgesetzt und absichtlich missverstanden. Ihr Slogan gegen eine aufgeklärte Sexualpädagogik lautet: „Nein zu Gender! Finger weg von unseren Kindern!“ Früher wurde Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt, um Lesben und Schwule zu diskreditieren. „Schwul“ war lange Zeit eine abwertende Bezeichnung, die wir uns zu Eigen gemacht und dadurch „umgedreht“ haben. „Schwul“ wurde dennoch und wird weiterhin gleichzeitig im öffentlichen Sprachgebrauch als Stigma eingesetzt, etwa in der Rede „Schwulen-Seuchen“ und „Schwulen-Krebs“ zu Beginn der Aids-Krise, oder in der Bezeichnung von „Schwuchtel“ und „voll schwul!“ auf Schulhöfen. Unsere Community hat sich davon nie abhalten lassen, trotzdem auch „schwul“ zu bleiben, und nimmt dies als Herausforderung für erfolgreiche Aufklärungsarbeit unter Jugendlichen. Eine Änderung unserer Begriffe wäre eine Steilvorlage für diese reaktionären und konservativ-bürgerlichen Gruppen.

Die „neue Moral“, unsere Sexualität in ihrer Vielfalt nicht mehr zu benennen und sich somit an die Sprache der „besorgten Eltern“ anzupassen, ist nicht im Sinne des „Stonewall-Aufstandes“. Die menschliche Sexualität in ihrer lebendigen Vielfalt bleibt das identitätsstiftende Merkmal unserer Community. Die Umbenennung unserer Vielfaltsbegriffe wird daran nichts oder nur wenig ändern.

 

 

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