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Rede zum 27.01.2017

2017 luden am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Landesverbände zum Gedenken an die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus ein. Vertreter_innen des Schwulen Netzwerks NRW, der LAG Lesben in NRW, der ARCUS-Stiftung, des LSVD NRW und des Arbeitskreises Leben Schwule Bisexuelle Transgender und Intersexuelle in ver.di Köln legen am Mahnmal für die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus „totgeschlagen – totgeschwiegen“ in Köln Blumen nieder. Die Zauberflöten untermalen das Gedenken musikalisch.

Anlässlich des Gedenkens an die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus in Köln sprach BISS-Vorstand Reinhard Klenke.


Reinhard Klenke:

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitstreiter*innen,

wir müssen gemeinsam aufzeigen, wie sehr Rassismus, Vorurteile und Hass auch heute noch uns und die Gesellschaft gegeneinander aufbringen.

Vor 22 Jahren haben wir hier gemeinsam das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht. Seitdem erinnern wir gemeinsam an die Opfer der heute unvorstellbaren Verbrechen und Gräueltaten der Nationalsozialisten hier und in Auschwitz. Seit jeher bewegt mich, wie wir in der Community für eine gemeinsame Erinnerungskultur zwischen den Generationen Sorge tragen können. Die Landesverbände, die LAG Lesben in NRW und das Schwule Netzwerk NRW veranstalteten im Oktober mit jungen lesbischen, schwulen, trans* und queeren Jugendlichen eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz. Es braucht mehr solcher Möglichkeiten des Erinnerns. Ich wünsche mir, dass andere diesem Beispiel folgen.

Wir müssen gemeinsam aufzeigen, wie sehr Rassismus, Vorurteile und Hass keine Phänomene des Nationalsozialismus sind, sondern auch heute noch uns und die Gesellschaft gegeneinander aufbringen.

Der § 175 steht hierfür symbolisch.

Der Paragraph wurde unter den Nazis verschärft. Schwule erhielten den Rosa Winkel. Lesben den Schwarzen Winkel. Hier ist unser Erinnerungsort, der gemahnt, wie Lesben und Schwule auch in Konzentrationslagern ermordet wurden. Doch mit der Niederlage des NS-Staates folgte keine Befreiung. Schwule Männer wurden weiterhin verfolgt, durch Polizeiermittlungen drangsaliert, wurden verurteilt, erhielten Haft- und Geldstrafen.

Durch Kündigungen und Berufsverbote blieben schwule Männer gesellschaftlich zurück, wurden sozial geächtet und ausgegrenzt. Familien wendeten sich ab. Viele verloren ihre Heimat. Nicht wenige wählten den Freitod.

Wir, die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren fordern, dass diesen Menschen ihre Würde wieder gegeben wird. Die Bundesregierung wird die Männer, die nach § 175 verurteilt wurden, dieses Jahr rehabilitieren und entschädigen. Endlich, denn viel zu lange haben sie darauf warten müssen. Endlich erkennt der Staat die Verfolgung nach 1945 an. Endlich übernimmt der Staat Verantwortung für die Verbrechen, die diesen Männern angetan wurden.

Wir müssen gemeinsam aufzeigen, wie sehr Rassismus, Hass und Vorurteile die Gesellschaft gegeneinander aufbringen.

Zum Beispiel, wenn wie früher der Staat gegenüber Schwulen mit dem § 175 zig tausendfaches Unrecht begangen hat und wenn heute der Staat asylsuchende Lesben, Schwule und Trans* aus anderen Ländern abweist oder abschiebt, in denen es den § 175 mit anderen Namen gibt.
Zum Beispiel, wenn wie früher bei der Polizei Schwule durch den § 175 in Rosa Listen geführt wurden und wenn heute bei der Polizei wieder Schwule durch HIV mit dem Kürzel „ANST“ gespeichert werden. Und wenn heute bei den Justizbehörden in NRW immer noch die Akten vernichtet werden, die Zeugnis sind, wie uns unsere Würde genommen wurde.

Zum Beispiel, wenn wir wie früher keine Solidarität, sondern aufgrund von Homophobie nur Kriminalisierung, Pathologisierung und medizinische Gewalt erfahren haben und wenn wir als Lesben, Schwule und Trans* heute bei eben diesen Solidaritätsverweigerern dafür herhalten dürfen, wenn gegen Muslime gehetzt wird.

Wir müssen gemeinsam Widerstand leisten, wenn Rassismus, Vorurteile und Hass uns und die Gesellschaft auch heute noch gegeneinander aufbringen. Unser Widerstand gegen Homophobie, Vorurteile und Hass war 1945 nicht vorbei. Unser Widerstand gegen Homophobie, Vorurteile und Hass war mit der Aufhebung des § 175 auch 1994 nicht vorbei. Unser Widerstand gegen Homophobie, Vorurteile und Hass wird mit der Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer des § 175 auch 2017 nicht vorbei sein.

Widerstand – dafür stehen in den letzten beiden Jahrhunderten vor allem die Gewerkschaften.

Vor 22 Jahren haben wir hier gemeinsam mit der ÖTV (heute VER.DI) das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht. Die ÖTV – Kreis Köln war offizieller Antragsteller. Sich in Gewerkschaften organisieren und Widerstand leisten. Auch das ist gelebte Erinnerungskultur.

Daher möchte ich an Euch appellieren: Lasst uns Bündnisse schmieden, in Parteien und Gewerkschaften eintreten, in Vereinen und Initiativen mitmischen, Begeisterung für Partizipation und Engagement schaffen, es gemeinsam anpacken. 2017 haben wir viele Gründe mehr, die sicher geglaubten Errungenschaften noch stärker zu verteidigen. Lasst uns in Erinnerung an die Opfer von Ausgrenzung, Hass und Gewalt uns nicht vereinnahmen von Angst vor Terror, Zuwanderung und Veränderung. Lasst uns also gemeinsam der aktuellen Stimmung andere Gefühle entgegensetzen, vor allem Solidarität, Empathie und Freude an einer vielfältigen Gesellschaft.

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