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Mosaiksteine der Erinnerung

Schwule Senioren von heute waren natürlich auch mal jung, und so mancher von ihnen war früher in der homosexuellen Emanzipationsbewegung aktiv. Den einen oder anderen konnte man am 29. April 2017 in Münster antreffen, als eine Demonstration von Queergruppen auf demselben Weg wie 1972 durch die Stadt zog. Damit wurde an die 1. Straßendemo von schwul-lesbischen Aktionsgruppen vor 45 Jahren erinnert (BISS berichtete). In Münster dabei, sowohl 1972 wie 2017, war auch Reinhard Schmidt, der sich gerade mit zwei Projekten befasst, die Beispiele der homosexuellen Emanzipationsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland sind.

Die Emanzipationsbewegung kam nach der 1. Strafrechtsreform des § 175 zum 1. September 1969 ins Rollen. Einen Anfang machte die „Homosexuelle Aktionsgruppe Bochum“ (HAG) im Dezember 1970, initiiert durch die lesbische Studentin W. Z. und ihre Freundin. Bei Bruno Peters, einem Gruppenpädagogen der studentischen Beratungsstelle der Ruhr-Universität, fanden die jungen homosexuellen Frauen und Männer erfreulicherweise ein wie selbstverständliches Entgegenkommen und vielfache Unterstützung beim Aufbau der HAG Bochum. Diese zunächst studentische Gruppe öffnete sich bald und bekam auch Zulauf aus anderen Ruhrgebietsstädten. Da es Kontakte zu Studierenden in Münster gab, unterstützte die HAG Bochum die Gründung einer weiteren autonomen homosexuellen Emanzipationsgruppe, der „HSM“ im Frühjahr 1971.

In den vergangenen Jahrzehnten tauchte immer wieder der Wunsch bei einigen früher Aktiven auf, die Entwicklungs- und Entstehungsgeschichte der HAG Bochum zu erforschen und zu dokumentieren. Reinhard Schmidt hat schon begonnen, gemeinsam mit dem Historiker Gottfried Lorenz, den Verlauf dieser Ereignisse zu recherchieren. Nach über vier Jahrzehnten wird es zunehmend schwieriger, Zeit-zeugen ausfindig zu machen, doch vielleicht hilft diese Veröffentlichung dabei.

Wer also selber Gruppenmitglied war oder jemanden kennt, der etwas über die HAG Bochum berichten kann, wird gebeten, sich zu melden. Wertvoll wären natürlich auch Dokumente, Protokolle, Plakate, Fotos, Filme, Zeitungsausschnitte, Radio-mitschnitte, und Tagebuchnotizen, damit zusammen mit Erinnerungen Vieler ein lebendiges und ausgewogenes Bild über die damaligen Aktivitäten der HAG entstehen kann.

Kontakt und Infos über:   hag.bochum.historie@rheinheart.de

 

Die zweite historische Recherche bezieht sich auf das Schulaufklärungsprojekt „SCHLAU Düsseldorf“. Dieses Bildungs- und Antidikriminierungsprojekt ist deutlich jünger, sehr aktiv und erfreut sich großer Nachfrage. Es ist jedoch nicht genau belegt, wann, in welcher Form und unter welchen Bedingungen es startete. Vorläufer zur Aufklärung in Schulklassen über Homosexualität soll es schon zu Beginn der 90er Jahre in Düsseldorf gegeben haben. In der Anfangszeit kamen meist Lehrer auf homosexuelle Initiativen wie das „Café Rosa Mond“ in Düsseldorf zu und baten diese, sich in einer Schulklasse vorzustellen und mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. Für diese Vorläuferform einer später strukturierten Schulaufklärung gibt es auch eine Parallele zur Bochumer HAG. Schon 1971 wurde dort eine „Projektgruppe Schule“ gebildet, die dann mit der gleichen Vorgehensweise emanzipatorische Aufklärungsarbeit in Schulklassen leistete.

Die ehrenamtlich tätigen Aufklärer von SCHLAU Düsseldorf stellen mit Methoden der Sozial- und Antidiskriminierungspädagogik Jugendlichen und erwachsenen Multiplikator*innen Themen wie sexuelle Vielfalt, Diskriminierung und Homophobie vor und bearbeitet mit ihnen Felder wie Vorurteile, Menschenrechte, Toleranz und Akzeptanz. Anfänglich waren schwul-lesbische und bisexuelle Themen Inhalt der Workshops; im Zuge von gesellschaftspolitischen Entwicklungen wurde später die gesamte LSBTI*-Thematik mit einbezogen. Es dürfte sich als Vorteil für die Recherche und Dokumentation der Entstehungs- und Entwicklungphasen des SCHLAU-Projekts erweisen, dass eine Reihe der anfänglich Aktiven noch relativ leicht ausfindig zu machen sein werden. Jedoch: auch hier sind Hinweise auf Personen und Materialien willkommen.

Kontakt und Infos über:   schlau.duesseldorf.historie@rheinheart.de

Reinhard Schmidt will beide Homosexuellen- und LSBTI* – Initiativen gemeinsam mit Historikern recherchieren und dokumentieren. Als Zeitzeuge bringt er seine Erfahrungen, Beobachtungen und aufgehobenen Materialien mit ein. Er war seit der Gründung im Jahr 1970 Mitglied der HAG Bochum und arbeitete von 2008 bis 2014 bei SCHLAU Düsseldorf mit.

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