Unser Selbstverständnis
Die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) e. V. ist die Interessenvertretung schwuler Senioren* und älterer Schwuler in Deutschland. Wir vertreten ein vielfältiges und inklusives Verständnis von Schwulsein, das unterschiedliche Identitäten und Lebensrealitäten einschließt und auf Selbstidentifikation beruht. Ausgangspunkt unserer Verbandsarbeit sind die Lebenserfahrungen schwuler Senioren* und HIV-positiver Schwuler mit strafrechtlicher Verfolgung, gesellschaftlicher Ächtung, Pathologisierung, der HIV- und AIDS-Krise, Ausgrenzung in Familie, Arbeitswelt, Pflege, Gesundheitswesen und Altenhilfe sowie auf den Erfahrungen schwuler sowie queerer Emanzipations- und Selbsthilfebewegungen.
Gemeinsame Verantwortung gegen Menschenfeindlichkeit
Bei Angriffen auf einzelne Gruppen der LSBTIQ*-Communities stehen wir solidarisch zusammen. Dabei sind auch diese Gruppen in sich vielfältig: Menschen können mehreren von Diskriminierung betroffenen Gruppen angehören und dadurch unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen machen. Jegliche Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie HIV-bezogener Diskriminierung widersprechen unserem Verständnis einer demokratischen, offenen und solidarischen Gesellschaft.

Gesundheit und Pflege
Diversitätssensible Versorgung
BISS setzt sich mit seiner Vereinsarbeit für eine diversitätssensible Gesundheitsversorgung und Pflege für ältere schwuler Männer, queere Menschen und Menschen mit HIV ein.
Fachaustausche, Weiterbildung und die Vernetzung von allen Akteur:innen der Gesundheits- und Pflegeversorgung steht für uns dabei an erster Stelle.
Teilhabe
Aktives Altern und politische Partizipation
BISS setzt sich mit seiner Vereinsarbeit für ein selbstbestimmtes Leben, die Daseinsentfaltung sowie die gesellschaftliche und politische Chancengleichheit älterer schwuler Männer, queerer Menschen und Menschen mit HIV ein.
Die Sensibilisierung, Fachberatung und Befähigung von allen Akteur:innen der offenen Senior:innenarbeit, der Community und der Politik ist dabei ein essenzieller Bestandteil unseres Handelns. Im Fokus steht dabei die Schaffung, Stärkung und Vernetzung von Communitystrukturen und die Öffnung von Angeboten, Räumen und Wohnquartieren.


Projekte
Gemeinsam mehr erreichen!
BISS engagiert sich zusätzlich zu den Haupthandlungsfeldern mit weiteren Projekte für ein gutes schwules Alter(n).
Wir möchten reden! Wie war das damals? Wie ist das heute? Homo- und Queerfeindlichkeit generationsübergreifend begegnen. – BISS stärkt den Generationenaustausch im Rahmen einer Förderung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.
CSD ist für Alte da! – BISS und der Dachverband Lesben und Alter e.V. unterstützen CSD-Organisator:innen bei der altersgerechten Planung und Durchführung von CSD-Veranstaltungen.
Rehabilitierung
Endlich rehabilitiert!
Seit der Gründung von BISS e.V. setzten wir uns für die Rehabilitierung und Entschädigung Betroffener der §§ 175, 175a StGB und § 151 StGB-DDR ein.
Verurteilte Betroffene und Betroffene von weiteren Strafverfolgungsmaßnahmen haben noch bis zum 21. Juli 2027 einen Anspruch auf Entschädigung.

Unsere Vision ist eine Gesellschaft der Vielfalt, in der ältere Schwule selbstbestimmt und selbstbewusst ihr Leben gestalten und durch bürgerschaftliches Engagement zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft beitragen.
Unsere Verbandspositionen
Grundpfeiler eines demokratischen und respektvollen Miteinanders ist die Anerkennung und Akzeptanz von LSBTIQ*- Vielfalt in unserer Gesellschaft. Allen Formen von Menschenfeindlichkeit setzen wir unser entschiedenes Handeln entgegen.
Die Lebenserfahrungen älterer Schwuler sind ein wertvoller Bestandteil der queeren Communities und der Gesellschaft. Wir bringen uns damit aktiv in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs ein.
In der Interessenvertretung, Beratung und Pflege ist die jeweilige Selbstbezeichnung jedes Menschen zu respektieren. Begriffe wie schwul, bisexuell oder queer dürfen nicht gegen den Willen der betreffenden Person zugeschrieben werden. Ebenso ist zu akzeptieren, wenn eine Person keine eindeutige Selbstbezeichnung verwendet.
Wir fordern die Ergänzung von Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz um den expliziten Schutz aller LSBTIQ* sowie um das Merkmal Alter.
Wir fordern entschiedenes politisches und gesellschaftliches Eintreten gegen queerfeindliche Hasskriminalität zum Schutz von LSBTIQ*-Communities.
Wir fordern eine umfassende Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, sodass es alle von Diskriminierung Betroffenen, wie ältere Schwule, Queere und HIV-positive Menschen, umfassend schützt, es anwendbar auf alle Lebensbereiche ist, und die Durchsetzung des Rechts möglich ist.
In der Pflege darf sexuelle, geschlechtliche und romantische Vielfalt nicht unsichtbar gemacht werden. Unterschiedliche Lebensweisen, Beziehungs- und Familienmodelle müssen ebenso Berücksichtigung und Anerkennung finden wie das Bedürfnis nach Schutz, Selbstbestimmung und Teilhabe. Auf Grundlage des Rechts auf eine biografie- und lebensweltbezogene sowie diskriminierungsfreie Pflege und Begleitung fordern wir
- eine flächendeckende diversitätssensible ambulante, teilstationäre und stationäre Pflege inkl. von Hospiz- und Palliativdiensten, die Partner*innenschaften, Wahlfamilien und selbstbestimmte Vertrauenspersonen anerkennt und in Entscheidungsprozesse und Trauerbegleitung einbezieht.
- die Beendigung von Zurückweisung, Ablehnung und Diskriminierung von Schwulen und Queeren aufgrund ihrer Lebensweisen (z. B. Substanzkonsum) oder einer HIV-Infektion durch Einrichtungen, deren Beschäftigte und externe Dienstleistende und Mitbewohnende inkl. deren An- und Zugehörige in der Pflege.
- Pflege- und Betreuungskonzepte für Schwule, Queere und Menschen mit HIV mit Demenz, die deren Diskriminierungs- und Verbergungserfahrungen berücksichtigen.
- die Ermöglichung einer aktiven sozialen Teilhabe, insbesondere in der queeren Community als Teil des gesellschaftlichen Lebens.
- die Unterstützung und ausreichende Finanzierung von Pflegeangeboten, Fachstellen, Beratungsstrukturen und Netzwerken, um bundesweit queersensible Pflegestrukturen zu etablieren.
- die verbindliche Verankerung queersensibler Standards in gesetzlichen und untergesetzlichen Regelungen der pflegerischen Versorgung und deren Umsetzung durch alle Akteur*innen der Pflege.
- die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Pflegekräften, Lehrenden, Leitungskräften, Pflegeberater*innen und Auszubildenden sowie der Prüf-, Begutachtungs- und Beratungsstrukturen in der Pflege zu den Merkmalen einer diversitätssensiblen Pflege von queeren und HIV-positiven Menschen.
- die Anerkennung, Finanzierung und Qualifizierung ehrenamtlicher, communitybasierter Unterstützungs- und Selbsthilfeangebote im Kontext Alter und Pflege.
- Entlastungs- und Schulungsangebote für pflegende An- und Zugehörige, die Wahlfamilien und Freundschaftsnetzwerke ausdrücklich einschließen.
- die Verstetigung der Selbsthilfeförderung nach § 45d SGB XI: dauerhafte Strukturförderung statt jährlicher Projektanträge.
- die Berücksichtigung schwuler und queerer Lebensweisen sowie die Anerkennung von Partner*innenschaften, Wahlfamilien und selbstbestimmte Vertrauenspersonen in Sterbebegleitung, Vorsorge (Patient*innenverfügung, Vorsorgevollmacht) und Bestattung.
Ältere Schwule, Queere und Menschen mit HIV und/oder chronischen Erkrankungen machen in der Gesundheitsversorgung häufig Erfahrungen mit Phänomenen von Queerfeindlichkeit und HIV-Stigmata oder sie befürchten diskriminiert zu werden. Das betrifft z. B. den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, (die Erwartung von) negativen Erfahrungen bei der Behandlung oder herabwürdigende Kommunikation. Dadurch erhöhen sich die Hürden, medizinische Unterstützung und Versorgung frühzeitig und kontinuierlich ortsnah in Anspruch zu nehmen. Deshalb fordern wir
- eine flächendeckende, niedrigschwellige, diskriminierungs- und barrierefreie Gesundheitsversorgung älterer Schwuler, Queerer und HIV-positiver Menschen.
- die Aufnahme einer diversitätssensiblen ärztlichen Behandlung und Betreuung ins Medizinstudium, in die Psychotherapieausbildung und in alle Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote der Gesundheitsberufe auf Grundlage aktueller Wissensstände wie z. B. zur Standardhygiene oder zum Schutz von sensiblen Gesundheitsinformationen.
- die Sensibilisierung des öffentlichen Gesundheitswesens, von Einrichtungen und Angeboten der Gesundheitsprävention und Gesundheitsversorgung sowie von Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen für die Lebensweisen älterer Schwuler, Queerer und HIV-positiver Menschen.
- zielgruppenspezifische Präventions-, Beratungs- und Versorgungsangebote, insbesondere im ländlichen Raum, zu erhalten bzw. weiter auszubauen.
- die Stärkung und Förderung von Angeboten der Gesundheitsselbsthilfe für ältere Schwule, Queere und Menschen mit HIV.
- die Aufnahme von Schwulen und Queeren als besonders vulnerable Gruppe in den Leitfaden Prävention des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen.
- eine bessere Versorgung im Bereich psychische Gesundheit, insbesondere bei Einsamkeit, Depression, Traumafolgen, Trauer und Verlust.
Viele ältere Schwule, Queere und HIV-positive Menschen haben u. a. durch Brüche mit ihren Herkunftsfamilien und den Verlust von Partner*innen und Freund*innen während der AIDS-Krise keine klassischen Familienstrukturen. Im Laufe ihres Lebens haben sie eigene Orte für Begegnung, Freundschaft, Unterstützung und Selbsthilfe geschaffen. Sie bieten Schutz, Gemeinschaft und eine politische Stimme. Diese leisten einen wichtigen Beitrag gegen Einsamkeit und soziale Isolation. In den allgemeinen Angeboten der Altenhilfe finden ihre Lebensweisen nur selten Berücksichtigung. Dabei ist soziale Teilhabe eine Grundvoraussetzung für ein aktives, selbstbestimmtes und würdevolles Altern. Wir fordern
- die Förderung der Selbstorganisation älterer Schwuler, Queerer und Menschen mit HIV.
- die Stärkung der Selbstbefähigung älterer Schwuler, Queerer und Menschen mit HIV, um die eigenen Interessen benennen und vertreten zu können.
- die Förderung niedrigschwelliger und kostenloser Teilhabeangebote für ältere Schwule, Queere und Menschen mit HIV als Präventionsmaßnahmen gegen Vereinsamung und Isolation, insbesondere im ländlichen Raum.
- die diversitätssensible Gestaltung von Angeboten der Altenhilfe.
- die rechtliche Möglichkeit zum gleichzeitigen Bezug von notwendigen Teilhabeleistungen und Hilfen zur Pflege.
- die Sensibilisierung der queeren Community für die Bedarfe älterer Schwuler, Queerer und Menschen mit HIV.
- die Förderung digitaler Kompetenzen zur Ermöglichung digitaler Teilhabe, insbesondere für mobilitätseingeschränkte, pflegebedürftige oder alleinlebende Menschen.
- die dauerhafte finanzielle Absicherung von BISS, der Landesnetzwerke und der Gruppen älterer Schwuler, Queerer und HIV-positiver Menschen.
- die Beteiligung älterer Schwuler, Queerer und Menschen mit HIV in Senior*innen- und Pflegebeiräten, in der kommunalen Altenhilfeplanung und in der Quartiersentwicklung.
- verlässliche, öffentlich finanzierte Informations- und Verweisstrukturen, die erkennbar machen, welche Angebote der Alten- und Pflegehilfe vor Ort queer- und HIV-sensibel arbeiten.
Viele ältere Schwule, Queere und Menschen mit HIV leben allein oder verfügen nicht über klassische familiäre Unterstützungsnetzwerke. Bezahlbarer und barrierearmer Wohnraum, diversitätssensible Wohnquartiere und -formen und eine gute Mobilitätsanbindung sind Grundvoraussetzungen für Selbstbestimmung, Teilhabe, Unterstützung und Sicherheit. Doch alters- und bedarfsgerechter sowie bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Wir setzen uns ein für
- die Sicherstellung der Finanzierbarkeit von ausreichendem, bedarfs- und altersgerechtem, barrierearmem Wohnraum.
- eine gute Mobilitätsanbindung als Grundvoraussetzung für ein langes und aktives Leben in der gewohnten Umgebung.
- die Einbeziehung von Lebensweisen älterer Schwuler, Queerer und Menschen mit HIV in die Quartiersentwicklung.
- die Berücksichtigung von diversitätssensiblen Aspekten bei der Gestaltung und Planung von Wohnprojekten sowie die Beteiligung älterer Schwuler, Queerer und HIV-positiver Menschen daran.
- Wohnungsangebote, in denen ältere Schwule, Queere und HIV-positive Menschen sicher, ohne Angst vor Diskriminierung und Gewalt oder Zwangsouting leben können.
Schwule, Queere und Menschen mit HIV wurden in Deutschland jahrzehntelang strafrechtlich verfolgt, gesellschaftlich geächtet, beruflich benachteiligt, pathologisiert und in ihren Lebensentwürfen beschädigt. Viele Ältere aus den Communities tragen die Folgen dieser Verfolgung bis heute. Dazu gehören Scham, Angst, Verschweigen, zerstörte Partner*innenschaften, unterbrochene Erwerbsbiografien, finanzielle Nachteile, Traumatisierungen und ein erschwerter Zugang zu Hilfe, Pflege und Beratung.
Der Deutsche Bundestag hat am 21. Juni 2017 die Rehabilitation der nach den §§ 175, 175a StGB und § 151 StGB-DDR verurteilten Menschen beschlossen. Die Möglichkeit zur Beantragung einer Entschädigung für erlittenes Unrecht wurde am 24. Juni 2022 um weitere fünf Jahre verlängert. Die Antragsfrist endet am 21. Juli 2027. Gleichzeitig darf die Verfolgung Schwuler und Queerer während der NS-Zeit, in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR nicht Vergessenheit geraten. Wir setzen uns ein für
- die Fortsetzung von Beratung und Unterstützung Betroffener bei der Inanspruchnahme ihrer Entschädigungsansprüche sowie eine aktive, aufsuchende Information über bestehende Ansprüche.
- die Entfristung der Entschädigungsansprüche beziehungsweise eine Nachfolgeregelung über den 21. Juli 2027 hinaus.
- die finanzielle Förderung von Community-Projekten in der Altenhilfe, der Selbsthilfe und der Erinnerungskultur im Sinne einer Kollektiventschädigung.
- die finanzielle Förderung einer Erinnerungskultur der Verfolgungsgeschichte Schwuler und Queerer durch Zeitzeugenschaft, Archiv-, Bildungs- und Gedenkstättenarbeit.
Ältere Schwule, Queere und Menschen mit HIV haben oft eine gebrochene Erwerbsbiografie, konnten Partner*innenschaften über Jahrzehnte nicht rechtlich absichern oder sie leben allein. Altersarmut geht bei älteren Schwulen meist mit Scham einher. Dadurch sind sie in besonderem Maß von verdeckter Altersarmut betroffen. Um Altersarmut bei Schwulen zu verhindern und bestehende Altersarmut abzufedern, fordern wir
- einen Mindestlohn, der Erwerbstätige verlässlich vor dem Abrutschen in die Grundsicherung im Alter schützt.
- eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen gegen Altersarmut.
- eine staatliche Ausgabenpolitik, die Arbeit von LSBTIQ*-Vereinen mit dazugehörigen Maßnahmen zu den zuvor genannten Forderungen fördert, die älteren Schwulen, Queeren und Menschen mit HIV zugutekommen.
- die Anerkennung von Wahlfamilien, Freundschaftsnetzwerken und nicht-ehelichen Sorgebeziehungen in Sozial- und Pflegeleistungen sowie eine bessere Absicherung derer, die Partner*innen, Freund*innen oder Wahlfamilien pflegen oder gepflegt haben.
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